Feature Diskussion - Vier Positionen zur Designwissenschaft (Teil 2)
January 27th, 2011 by Rosan
Wir haben zwei Stunde im Morgen (27.01.2011) über verschiedene Punkte geredet. Nach Mittag-Pause, nach dem Vorschlag von Uwe, machen wir eine neue Thread auf. Bitte hier weiter diskusiere!
Hallo alle
Ich bin Leif Östman, Architekt (Tekn.D in Designmethodology) mit Interesse an Designwissen, -theorie, Lehrer an FH in Finnland (Bauwesen).
Ich möchte gern hören/lesen welche Werte die Hauptdiskutanten sehen in ein designwissenschaftliche Gemeinschaft, wo man sich damit beschäftigt Forschungsergebnisse and -ansätze zu besprechen? An Funke möchte ich es anders ausdrucken, weil er wohl kein nutzen darin ausdrucken will; Wird die Frage, was man vertiefen will (mit Hilfe von Forschung) immer festgelegt von den Praktikern/Designers oder kann man auch ausserhalb von Designertun sinnvolle Forschungsaufgaben und Antworte finden und bearbeiten, die sich auf Design beziehen?
Noch: Welche 3-4 Probleme im Designbereich wurden die Hauptdiskutanten als dringend, wertvoll sehen als Forschungsaufgaben, wo wir zu wenig verstehen, wissen oder wo die Antworte noch nicht Präzise genug sind?
LeifÖ
noch eine Anmerkung: Vielleicht hat meine Ausdrucksweise etwas drastisch geklungen - auf diese begriffliche Unterscheidung käme es mir jetzt aber nicht so an. Ich glaube wir meinen letztlich fast das Gleiche. Jedenfalls der letzte große Paradigmenwechsel der Biologie (zur Genentschlüsselung) beruht auf dem, was die Chemie zur Biologie beigetragen hat. Auch Phylogenese wird heute genetisch bestimmt, nicht mehr morphologisch (außer bei Fossilien).
"Ich halte die Vermischung von Designwissenschaft und Design für problematisch und wir sollten sie in dieser Diskussion zu vermeiden versuchen. Erstere sollte letzteres zum Gegenstand haben. Umgekehrt scheint mir das nicht notwendig zu sein."
Lieber Uwe!
Wir werden uns trotzdem über Design unterhalten müsssen, um den Forschungsgegenstand der DW zu konkretisieren ...
Design stellt (eigene kulturelle?) Regeln auf, ist selbst eine Folge kultureller Regelabläufe; kann Funktionsabläufe im weiteren Sinne neu definieren (in transdisziplinären Teams) und muss sich an Gesetze / Gesetzmäßigkeiten halten. Design reagiert auf "Feststellungen" mit Lösungsansätzen oder mit der Kreation neuer Probleme, die vorher so nicht existierten. Schafft Design sich damit seinen Bedarf selbst? Design gibt neue Zielpunkte für die Forschung vor. Design ist Rekombination und Neu-Kontextualisierung (im Sinne des Wechsels von Assoziationen oder des "artfremden" Gebrauchs).
Das sollte die DW in eine allgemein gebrauchsfähige, sich wandelnde Form bringen können, ohne zu "DER" Theorie des Designs zu werden?!
Hallo Leif, schön dass Du dabei bist.
"Designwissenschaftliche Gemeinschaft" halte ich für einen guten Ansatz. Eine Community entwickelt diskursiv eine "Designwissenschaft". Krippendorff hat das mal ganz schön beschrieben und dabei auch von der Kolonialisierung des Design(wissenschaftlichen) Diskurses durch andere Disziplinen gesprochen. Nur sozial, kommunikativ, diskursiv besteht die Chance eine wahrnehmbare "Wissenschaft" zu entwickeln.
Ich glaube tatsächlich, dass designerische Forschung auch ausserhalb des Designs Erkenntnisse liefern kann. Etwa wenn es um Kriminalitätsbekämpfung / -vermeidung geht. Designforschung liefert andere und mindestens ebenso relevante Erkenntnisse wie Psychologie, Soziologie, Forensik, ...
(habe ich die Frage richtig verstanden?)
Aufgaben für Designforschung
intern:
Das Spezifische des designerischen Vorgehens beschreiben und erklären und Propagieren.
extern:
Die transdisziplinäre Funktion von Design, Demokratisierung des Designs (design thinking), social design, ... , Produktvermeidung, ...
Vielleicht können wir anhand eines weiteren Beispiels etwas konkreter werden.
1927 präsentierte Margarete Schütte-Lihotzky auf der Ausstellung "Die neue Wohnung und ihr Innenausbau" ihre Frankfurter Küche als neuartiges Konzept einer Küche und revolutionärer Eingriff in die Wohnkultur ihrer Zeit.
Würdest Du, lieber Wolfgang Jonas, diese als "Produktkosmetik bezeichnen?
Die Frankfurter Küche war das Ergebnis intensiver Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der Verbesserung der Wohnverhältnisse von Arbeiterfamilien. Hierzu hatte Schütte-Lihotzky auch quasi-wissenschaftliche Methoden zur Untersuchung der Arbeitsabläufe in der Küche angewandt und darüber hinaus einen Katalog von hygienischen und praktischen Mängeln bisheriger Kücheneinrichtungen abgearbeitet.
Ist das, lieber June H. Park, was Margarete Schütte-Lihotzky im Vorfeld ihres Entwurfs getan hat, Designwissenschaft im Sinne von "Theoretischem Design"? Wie müsste bei ähnlichen Vorhaben heute Theoretisches Design wirken?
Allerdings stellte sich später in den Häusern, in denen die Frankfurter Küche eingebaut wurde, heraus, dass die Bewohner sie großenteils nur mit Schwierigkeiten annahmen. Sie vermissten ihre gewohnte Wohnküche und versuchten, diese mit bescheidenen Mitteln fortan zu improvisieren.
Vielleicht hätte eine soziologische Studie über die kommunikativen Ansprüche der Zielgruppe an Küchenkonfigurationen im Verhältnis zur allgemeinen Wohnkultur dieses Problem verhindern können.
Wäre das ein Feld von Designwissenschaft?
Aber es handelt sich hier um eine ziemlich spezielle Frage, für deren Beantwortung es ausreicht, vorhandene Instrumente der etablierten Wissenschaften anzuwenden. Für zahlreiche andere Fragen im Zusammenhang mit anderen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben im Design müssen ganz andere Instrumente, gegebenenfalls aus anderen Wissenschaften herangezogen werden. Wie ist dann eine übergreifende Kanonisierung im Sinne einer kohärenten Designwissenschaft denkbar?
Von der anderen Seite, als Wissenschaft über das Design, die Sie, lieber Uwe von Loh, intendieren, scheint mir diese Kohärenz herzustellen, einfacher zu sein.
Nein. lieber Rainer Funke,
das betrachte ich nicht als Produktkosmetik, sondern als ein recht visionäres Konzept, das im Kontext seiner Zeit bedeutsam ist. Das sehe ich im heutigen Design nicht. Weder bei Küchen, noch beim Wohnen. Allenfalls ein wenig beim Design von Bädern, wo sowas wie "Erlebnisorientierung" zu beobachten ist.
Eine Küche nach dem Konzept der Frankfurter Küche würde heute kaum noch als besonders attraktiv angesehen werden. Von daher meine These: Es gibt keinen Fortschritt im Design, nur immer Anpassung an sich wandelnde Kontexte. Und die heutigen Anpassungen sind hauptsächlich inkrementell, kosmetisch, stylish. Wo bleibt die radikale Innovation im Design?
"...kann man auch ausserhalb von Designertun sinnvolle Forschungsaufgaben und Antworte finden und bearbeiten, die sich auf Design beziehen?"
Ja, sicher, das geschieht ja auch in mannigfaltiger Weise: Psychologen erklären uns Wahrnehmungsprozesse, Sozilogen das Verhalten von Menschen, Betriebswirtschaftler ökonomische Abläufe usw.usw.
Eine Notwendigkeit für Designwissenschaft erkenne ich eher aus dem Erfordernis, über Design im Rückblick zu kommunizieren, so wie es Literaturwissenschaften oder Theaterwissenschaften tun.
Hallo Leif Östman, willkommen,
ich fände es auch sehr wichtig, den Menschen in seinen sinnlichen, emotionalen, kognitiven usw. Erleben und deren Wechselwirkungen nicht zu vergessen, was leicht geschehen kann, wenn man sich zu sehr auf Strukturen der Theorien oder Systeme fixiert (so wichtig diese auch sein mögen). Dies aber nicht nur, bis er das Produkt gekauft hat, sondern auch bezogen darauf, wie er mit dem Produkt umgeht und wie sich dieser Umgang verändert. Das Küchenbeispiel ist da schon ganz passend, es zeigt auch gleichzeitig, wie so ein größerer Wurf scheitern kann und in Richtung artgerechte Haltung abzudriften droht. Daraus lässt sich unendlich viel lernen. Heute wären aber sicher andere Themen aktuell.
Lieber Wolfgang, weiß gar nicht ob eine fokussierung auf radikale Innovation im Design wünschenswert wäre.
Die Sorge um die Anpassungen halte ich für eine wichtige Form der Reduktion von Komplexität.
Aber genau das Beobachten und das methodische Fragen nach sinnvollen Anpassungen, sollte doch in der Designwissenschaft Thema sein?
Rainer,
das führt ein wenig weiter. Rückblickend siehst Du eine gewisse Notwendigkeit, vorausschauend nicht. Der Rückblick ist wichtig. Es gibt ja auch Medizingeschichte.
Sind Designer aber nicht diejenigen, die mögliche Zukünfte explorieren? Oder sollen / können wir das den Zukunftsforschern überlassen? Was kann dabei unsere Rolle sein?
(Punkt:habe ich die Frage richtig verstanden?): Kann man durch Forschung das Wissen/Können in Designpraktiken erweitern, oder kann man dies nur herbeibringen als Praktiker (Ich verstehe Funkes Ansats als wäre dies nicht erlaubt/nicht wünschenswert, d.h. mit Hilfe von Forschung auch Designpraktiken zu bereichern mit erweitertem Wissen/Einsicht). Was wäre dabei wichtige Probleme wo ein erweitertes Wissen interessant sein könnte?
Die letzte große Design-Innovation war vielleicht das Apple-Betriebssystem.
Aber, dass es nicht fortwährend große, revolutionäre Kultur-Umwälzungen, vermittelt durch das Design, gibt, ist nicht anders zu erwarten. Würde ich diese Web-Seite, auf der wir gegenwärtig kommunizieren, in manchen Funktionen schneller verstehen, wäre das für mich ein Fortschritt. Der Begriff "Fortschritt" beinhaltet im eine wertende Position. Es gibt immer nur Fortschritt für Subjekte. Aber diesen gibt es dann schon, wenn Du so willst ist das die Kontextanpassung mit besonderer Spezifik.
Ebenen dieses Beispiel zeigt wie notwendig sich eine Designwissenschaft macht, in der die Fragen der Methoden und deren Angemessenheit der Komplexität der gestalterischen Aufgabenstellung diskutiert werden.
Designbetrachtungen im Rückspiegel sind bis heute eigentlich dominierend, nicht nur die Designgeschichte fällt darunter, auch die ganze Designkritik. Ohne Rückblick kann man natürlich weder aus Fehlern noch aus dem Gelingen lernen, ich sehe aber auch gute Chancen und vor allem die Notwendigkeit, mit Designwissenschaft zu prognostizieren, wenigstens um Fehler zu vermeiden.
Ich schlage in die gleiche Kerbe wie Wolfgang - die gemeinschaftliche Verständigung über Forschungsvorhaben, wie sie z. B. im Rahmen der DGTF in den Kolloquien der Gruppe "Design promoviert" betrieben wird, hilft mit, die Designwissenschaft zu konkretisieren und den Forschenden immer wieder vor Augen zu führen, wie die Forschung auf diesem Gebiet funktionieren kann.
Für die Anerkenung der DW als eigenständige Disziplin und eine bessere Außenwirkung gälte das Gleiche auf einem anderen Parkett, im Rahmen der anderen Wissenschaften. Diese Austauschebene müsste m. E. erst noch geschaffen werden.
Was die Frage danach betrifft, ob auch außerhalb der Welt der Praktiker Impulse zur Forschung über Design entstehen - wenn ich das richtig verstehe, dann kommen die Forschungsansätze auch ohne konkrete Probleme aus konkreten Projekten zustande, wenn man sich auf einer Meta-Ebene mit Gestaltung auseinander setzen will.
zu Funke: Aus meiner Sicht siedeln Sie die "externe" Forschung (über designwissenschaftliche Fragestellungen, die nicht aus der Praxis inspiriert sind) wieder nur bei den Bezugswissenschaften an. Es scheint, als möchten Sie sich gar nicht vorstellen, dass ein Designwisenschaftler eine Forschung über Design hinbekommt?! Ihr Ansatz, das Geschehen im Design aus der Rückschau zu betrachten, tendiert" eher zu einer Form der Designgeschichte, wie sie z. B. bei John A. Walker: Designgeschichte - Perspektiven einer wissenschaftlichen Disziplin" beschrieben ist. Ich denke nicht, dass es sich dabei um einen Ansatz handelt, der die DW in der hier diskutierten Form weiter bringt.
"Sind Designer aber nicht diejenigen, die mögliche Zukünfte explorieren?" Ja, natürlich! Und dazu benötigen Sie u.a. zahlreiche Theorien. Aber eine, kohärente Designwissenschaft?
Grüss Dich Sandra,
ja, die Anpassung ist eine ganz wichtige Funktion von Design, die zu untersuchen wäre. Meine Kritik: sie geschieht - hauptsächlich aus Marketinggesichtspunkten - viel zu inkrementell. Wir brauchen nicht alle 3 Monate ein neues Handy, so schnell ändern sich die Bedürfnisse der user jedenfalls nicht. Radikale Innovationen denken voraus (sorry für die Platitüde), bieten neue überraschende Optionen, versuchen Bewusstsein zu beeinflussen und damit Veränderungen zu triggern. Wir haben heute den Bedarf nach radikalen Veränderungen unserer Lebensweisen. Deshalb auch meine Skepsis gegenüber zuviel erbsenzählerischen user studies. Produzieren wir doch lieber originelle neue Optionen, die nicht auf Marktbeobachtung, sondern auf Zukunftsvisionen beruhen.
Die Frage nach dem Nutzen einer kohärenten Designwissenschaft kann ich m. E. nur dann so stellen, wie Sie es hier tun, wenn sie immer einen unmittelbaren Nutzen für die konkrete Praxis implizieren soll. Wenn ich sie aber als Meta-Wissenschaft denke, kann ich mir den Luxus leisten, mich nicht zu fragen, ob der Designer im konkreten Projekt etwas von meiner Forschung hat, sondern darauf bauen, dass die DW etwas zum angesammelten Wissen der Welt beiträgt - ganz pathetisch formuliert.
Wenn wir uns das Wirken der Kunstwissenschaften ansehen, ist natürlich auch da ein gewisse heuristische Wirkung auf die Kunst selbst auszumachen. Ihre zentrale Perspektive ist aber die der Methodenbeschreibung und der öffentlichen Kommunikation der Kunst.
Wie gesagt, das halte ich auch in Bezug auf Design als notwendig.
In Hinsicht auf die projektiv-konstruktive Dimension von Design sehe ich gegenwärtig keinen tragfähigen Ansatz für eine wirkliche Designwissenschaft, und ich würde mich freuen, wenn Sie mir einen aufzeigen könnte.
Da stimme ich Dir zu. Aber auch die "orginelle neue Option", braucht ihre Anpassung.
Somit wäre für eine Designwissenschaft wünschenswert, das sie Methoden und Theorie heranzieht oder selbst begründen zu vermag, mit denen Anpassungen und Innovation darstellbar werden.
Zukunftsvisionen sind super für die Universität und Forschung, aber die vielen absolvierten Designer können nicht alle und auch nicht andauernd irgendwelche spektakulären Visionen verkaufen, für die letztlich die Käufer nicht da sind oder erstmal per Kampagne eingenordet werden müssen, damit sie die Vision auch annehmen. Ebenso wichtig ist also auch der Vermittlungsprozess auf diese Ebene.
Ja, ich glaube, dass designwissenschaftliche Forschung in allen ihren Ausprägungen die Designpraxis bereichern kann:
- retrospektiv (über) indem sie die Archive nutzbar macht
- instrumentell (für) indem sie zur methodischen Verbesserung des Prozesses beiträgt
- prospektiv (durch) indem sie bessere, relevantere, nachhaltigere Lösungen befördert UND indem sie Erkenntnisse produziert, die die anderen Wissenschaften so nicht liefern (Beispiel: Design against Crime)
Natürlich müssen wir uns über Design unterhalten. Aber wir dürfen es nicht mit Designwissenschaft verwechseln und auch nicht jede Unterhaltung über Design kann Wissenschaft sein.
Die Aufzählung dessen, was Design alles sei, hilft nicht weiter, denn interessant ist nur, was es im Unterschied zu anderem ist.
"Allgemein gebrauchsfähig" muss Wissenschaft nicht sein - lediglich anschlussfähig.
Ich stimme dem zu, was Sie über Kunstwissenschaften schreiben, das hat absolut seinen Platz in der Designtheorie oder -wissenschaft. Designer können aber nicht wie Künstler etwas in den Raum stellen, und abwarten, was geschieht. Sie müssen antizipieren. Design hat immer Zweck, Kunst nie - das ist der Unterschied. Einen tragfähigen Ansatz für eine wirkliche DesWis zu entwickeln das tun wir gerade hier und jetzt. So ist zu hoffen.
Markus,
der Aspekt gefällt mir sehr gut, er tauch schon bei Herbert Simon in den "Sciences of the Artficial" auf:
(p 140, 141)
"DESIGN ALS WERTVOLLE TÄTIGKEIT
Mit der Vorstellung, daß aus dem Herstellen und Durchführen von Entwürfen neue Ziele entstehen können, ist der Gedanke eng verbunden, daß die Entwurfstätigkeit selbst ein Ziel der Planung sein könnte. Sich neue Möglichkeiten vorzustellen und sie auszuarbeiten, ist eine an sich angenehme und wertvolle Erfahrung. ... Das Entwerfen ist eine Art geistigen Schaufensterbummels. Man muß keine Einkäufe tätigen, um Vergnügen daran zu finden.
... Man kann sich dennoch eine Zukunft vorstellen, in der unser Hauptinteresse an der Wissenschaft und am Entwerfen in den Erfahrungen liegen wird, die sie uns über die Welt vermitteln, und nicht in den Dingen, die sie uns erlauben der Welt anzutun. Entwerfen ist wie die Wissenschaft ein Instrument ebenso des Verstehens wie des Handelns."
Völlig einverstanden. DW u. A. als Wissenschaft über Design. Keinesfalls als Schlüssel zu allem, was Designer wissen sollten. Das gehört m. E. zur Lehre an den Hochschulen im Rahmen des Studiums.
Nehmen wir mal an, Designwissenschaft sei - wie auch immer - inhaltlich etabliert und sogar als Universitätsfach mit vollem staatlichen Zuschuss eingerichtet. Welche Erwartungen oder sogar Verpflichtungen wären damit verbunden? Man kann sich das ungefähr vorstellen, wenn man die Etablierung der Pflegewissenschaft an den Hochschulen betrachtet. Es sind zwei Gründe: zum einen die Qualitätssteigerung der Pflegeleistungen und zum anderen die Effizienzsteigerung des gesamten Pflegesystems. Designwissenschaft wird es auch mit Qualitätssteigerung und Effizienzsteigerung zu tun haben, und je stärker sie an ihrem Bearbeitungsgegenstand die Qualität und gleichzeitig die Effizienz zu steigern vermag, wird ihr auch hohes akademisches Ansehen zuteil werden. Aber der Bearbeitungsgegenstand wird nicht mehr aus Bürostühlen, Handy, Rasierer oder Regalsysteme bestehen, sondern aus komplexen Systemen wie postfossiles Verkehrkonzept, lebenslanges Lernen, vernetzte Erwerbsarbeit, neue Formen der Lebensgemeinschaft etc. Eine solche Designwissenschaft wäre nicht nur für Produkt- oder Grafik-Designer von Bedeutung, sondern auch für Techniker, Sozialarbeiter, Pädagogen, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler etc. Hat man aber beim Design nur den künstlerischen Anteil des Designs im Blick, dann braucht man tatsächlich keine Designwissenschaft.
Ich sehe dieses (Forschungs-) Programm durchaus als exemplarisch für eine designwissenschaftliche Vorgehensweise im Sinne von Forschung durch Design an.
In designerischer Prozesslogik werden einerseits reale Probleme angegangen und (zumindest temporär) gelöst. Andererseits - das ist vielleicht der wichtigere Beitrag - werden transferierbare Erkenntnisse darüber generiert, wie man derartige Problemfelder anders angehen kann als es die Fachdisziplinen tun. Z.B. dadurch, dass unmittelbar mit Objekten (der Begierde, des Hasses) und deren Gestaltung gearbeitet wird, was etwa Soziologen oder Psychologen in ihrer Forschung nicht tun.
Über die Zweckfreiheit der Kunst kann man streiten, sicher besteht aber der Unterschied zum Design in dem Grad des Eingreifens in praktische Lebensprozesse. Und die Zwecke, die dabei verfolgt werden, zu explizieren und hinsichtlich der eingesetzten Mittel und realen Wirkungen zu evaluieren, darin besteht sicher eine Notwendigkeit.
Wenn man es ganz neutral und deskriptiv formulieren will: ja. Ich finde auch, dass die Fähigkeit des Entwurfs den Primaten zum Menschen macht.
Aber, ich denke, dass dabei immer eine Normativität ins Spiel kommt. Entwerfen will verändern (möglichst zum besseren) und deshalb sollte dieser Aspekt auch bei der Definition einer DW beachtet werden. Das ist es was uns unterscheidet. Wir wollen wissen und handeln.
"Und die Zwecke, die dabei verfolgt werden, zu explizieren und hinsichtlich der eingesetzten Mittel und realen Wirkungen zu evaluieren, darin besteht sicher eine Notwendigkeit."
Aber das tut doch ein Metzgermeister auch und kann nicht der Betriebsgrund von Designwissenschaft sein, oder?
das ist eine amüsante Vorstellung, auch Juristen und BWLer mit dem Thema zu konfrontieren. Außerdem lässt es uns darauf besinnen, was spezifisch an unserem eigenen Fach ist.
An dieser Stelle kommen wir zur Fassung des Begriffs "Design".
Wenn man ihn als allgemeinen Begriff des Gestaltens fasst, mag das zutreffen. Das hat dann aber nur noch sehr allgemein mit dem zu tun, was der spezielle Designbegriff (auch im Sinne eines Berufsfeldes) umfasst.
Lieber June Park,
das ist eine gute Zusammenfassung.
Die Parallele zur Pflegewissenschaft passt zum einen (was den Prozess der "Disziplinierung" angeht) und passt auch wieder nicht.
Denn Design hat einen viel zu unscharfen Gegenstandsbereich. Was ist der Gegenstand von Design? Wie legitimieren wir unsere Kompetenz für all die Problemfelder die genannt werden? Dazu müssen wir das Besondere unseres Beitrag klarer formulieren.
nun jeder Entwurf hat sicherlich neben seiner Handlungsorientierung auch ein "epistemisches Ding" (also, dass was antizipiert ist, von dem man aber noch nicht weiss in welcher Gestalt es sich zeigt), welches mit ihm motiviert ist.
Eben weil Entwerfen eine Markierung in der Zeit setzt, Dinge ins Sein bringt und sich die Frage nach dem Nomativen stellt, sollte es auch Aufgabe sein Ansatzpunkt zur inhaltlichen Bestimmung dieses Normativen zu gewinnen.
Aber hier stellt sich nun die Frage, wie sich Wissenschaft methodisch vollzieht und ob diese Methoden sinnvoll sind solche existenzielle und komplexe Zusammenhänge abzubilden. Sie vollzieht sich m.E. immer in Modellen, die weniger komplex sind als der Sachverhalt, den sie untersuchen.
Gut, wieder einen Schritt weiter, jedenfalls mal eine konkrete Aussage: "Versinnlichungskompetenz".
Dann darf ich auch meine ebenso schreckliche Definition des Gegenstands bringen: "Die Interfaces zwischen Artefaktischem und Kontextuellem (politisch, ökonomisch, körperlich - psychisch - sozial, technologisch, ökologisch, ...)" gestalten.
Sind wir hier auf Ihres Pudels Kern gestoßen? Die Meta-Ebene mit dem allgemeinen Begriff des Gestaltens ist Ihnen zu allgemein?
Ich vermute, diese Meta-Wissenschaft könnte ebenso allgemeine Erkenntnisse über den Vorgang des Gestaltens (losgelöst von konkreten Ergebnissen und nur als solcher betrachtet) liefern, wie die Methode der Forschung durch Design konkrete Ergebnisse für Ihren speziellen Designbegriff im Sinne des Berufsfeldes.
Das muss hier noch mal mit aller Härte gesagt werden. Es kann keine Wissenschaft ohne klar umrissenen Gegenstand geben. Wenn Design der Gegenstand von Designwissenschaft sein soll, dann sollten man sich zunächst überlegen, wie man Design definiert. Eventuell müsste man dazu eine Art Prä-Designwissenschaft benutzen, die ihren Gegenstandsbereich rekursiv selbst entwickelt und so sich selber aus dem Sumpf zieht.
Meines Erachtens kann von der Heterogenität der Erscheinungsformen von Design nicht darauf geschlossen werden, dass der Gegenstand Design unscharf wäre. Wir sollten hierzu unsere Kommunikationen näher befragen, wann sie etwas als Design markieren.
Genau Uwe, vielleicht sind wir ja hier gerade dabei, mit unserem Gestrampel die Milch im Topf zu Butter zu machen (den Gegenstandsbereich einzugrenzen), um dann von diesem Grund aus aus dem Topf zu springen.
Echt schräges Bild!
2 Fragen
Hallo alle
Ich bin Leif Östman, Architekt (Tekn.D in Designmethodology) mit Interesse an Designwissen, -theorie, Lehrer an FH in Finnland (Bauwesen).
Ich möchte gern hören/lesen welche Werte die Hauptdiskutanten sehen in ein designwissenschaftliche Gemeinschaft, wo man sich damit beschäftigt Forschungsergebnisse and -ansätze zu besprechen? An Funke möchte ich es anders ausdrucken, weil er wohl kein nutzen darin ausdrucken will; Wird die Frage, was man vertiefen will (mit Hilfe von Forschung) immer festgelegt von den Praktikern/Designers oder kann man auch ausserhalb von Designertun sinnvolle Forschungsaufgaben und Antworte finden und bearbeiten, die sich auf Design beziehen?
Noch: Welche 3-4 Probleme im Designbereich wurden die Hauptdiskutanten als dringend, wertvoll sehen als Forschungsaufgaben, wo wir zu wenig verstehen, wissen oder wo die Antworte noch nicht Präzise genug sind?
LeifÖ
zu uvl, Aneignung
noch eine Anmerkung: Vielleicht hat meine Ausdrucksweise etwas drastisch geklungen - auf diese begriffliche Unterscheidung käme es mir jetzt aber nicht so an. Ich glaube wir meinen letztlich fast das Gleiche. Jedenfalls der letzte große Paradigmenwechsel der Biologie (zur Genentschlüsselung) beruht auf dem, was die Chemie zur Biologie beigetragen hat. Auch Phylogenese wird heute genetisch bestimmt, nicht mehr morphologisch (außer bei Fossilien).
Wieder-Einstieg und Replik auf "Nachtrag um Gegenstand"
Herzlich Willkommen, Leif!
Um bei Uwe von Loh an zu schließen:
"Ich halte die Vermischung von Designwissenschaft und Design für problematisch und wir sollten sie in dieser Diskussion zu vermeiden versuchen. Erstere sollte letzteres zum Gegenstand haben. Umgekehrt scheint mir das nicht notwendig zu sein."
Lieber Uwe!
Wir werden uns trotzdem über Design unterhalten müsssen, um den Forschungsgegenstand der DW zu konkretisieren ...
Design stellt (eigene kulturelle?) Regeln auf, ist selbst eine Folge kultureller Regelabläufe; kann Funktionsabläufe im weiteren Sinne neu definieren (in transdisziplinären Teams) und muss sich an Gesetze / Gesetzmäßigkeiten halten. Design reagiert auf "Feststellungen" mit Lösungsansätzen oder mit der Kreation neuer Probleme, die vorher so nicht existierten. Schafft Design sich damit seinen Bedarf selbst? Design gibt neue Zielpunkte für die Forschung vor. Design ist Rekombination und Neu-Kontextualisierung (im Sinne des Wechsels von Assoziationen oder des "artfremden" Gebrauchs).
Das sollte die DW in eine allgemein gebrauchsfähige, sich wandelnde Form bringen können, ohne zu "DER" Theorie des Designs zu werden?!
an Leif
Hallo Leif, schön dass Du dabei bist.
"Designwissenschaftliche Gemeinschaft" halte ich für einen guten Ansatz. Eine Community entwickelt diskursiv eine "Designwissenschaft". Krippendorff hat das mal ganz schön beschrieben und dabei auch von der Kolonialisierung des Design(wissenschaftlichen) Diskurses durch andere Disziplinen gesprochen. Nur sozial, kommunikativ, diskursiv besteht die Chance eine wahrnehmbare "Wissenschaft" zu entwickeln.
Ich glaube tatsächlich, dass designerische Forschung auch ausserhalb des Designs Erkenntnisse liefern kann. Etwa wenn es um Kriminalitätsbekämpfung / -vermeidung geht. Designforschung liefert andere und mindestens ebenso relevante Erkenntnisse wie Psychologie, Soziologie, Forensik, ...
(habe ich die Frage richtig verstanden?)
Aufgaben für Designforschung
intern:
Das Spezifische des designerischen Vorgehens beschreiben und erklären und Propagieren.
extern:
Die transdisziplinäre Funktion von Design, Demokratisierung des Designs (design thinking), social design, ... , Produktvermeidung, ...
Ein weiteres Beispiel
Vielleicht können wir anhand eines weiteren Beispiels etwas konkreter werden.
1927 präsentierte Margarete Schütte-Lihotzky auf der Ausstellung "Die neue Wohnung und ihr Innenausbau" ihre Frankfurter Küche als neuartiges Konzept einer Küche und revolutionärer Eingriff in die Wohnkultur ihrer Zeit.
Würdest Du, lieber Wolfgang Jonas, diese als "Produktkosmetik bezeichnen?
Die Frankfurter Küche war das Ergebnis intensiver Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der Verbesserung der Wohnverhältnisse von Arbeiterfamilien. Hierzu hatte Schütte-Lihotzky auch quasi-wissenschaftliche Methoden zur Untersuchung der Arbeitsabläufe in der Küche angewandt und darüber hinaus einen Katalog von hygienischen und praktischen Mängeln bisheriger Kücheneinrichtungen abgearbeitet.
Ist das, lieber June H. Park, was Margarete Schütte-Lihotzky im Vorfeld ihres Entwurfs getan hat, Designwissenschaft im Sinne von "Theoretischem Design"? Wie müsste bei ähnlichen Vorhaben heute Theoretisches Design wirken?
Allerdings stellte sich später in den Häusern, in denen die Frankfurter Küche eingebaut wurde, heraus, dass die Bewohner sie großenteils nur mit Schwierigkeiten annahmen. Sie vermissten ihre gewohnte Wohnküche und versuchten, diese mit bescheidenen Mitteln fortan zu improvisieren.
Vielleicht hätte eine soziologische Studie über die kommunikativen Ansprüche der Zielgruppe an Küchenkonfigurationen im Verhältnis zur allgemeinen Wohnkultur dieses Problem verhindern können.
Wäre das ein Feld von Designwissenschaft?
Aber es handelt sich hier um eine ziemlich spezielle Frage, für deren Beantwortung es ausreicht, vorhandene Instrumente der etablierten Wissenschaften anzuwenden. Für zahlreiche andere Fragen im Zusammenhang mit anderen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben im Design müssen ganz andere Instrumente, gegebenenfalls aus anderen Wissenschaften herangezogen werden. Wie ist dann eine übergreifende Kanonisierung im Sinne einer kohärenten Designwissenschaft denkbar?
Von der anderen Seite, als Wissenschaft über das Design, die Sie, lieber Uwe von Loh, intendieren, scheint mir diese Kohärenz herzustellen, einfacher zu sein.
Frankfurter Küche
Nein. lieber Rainer Funke,
das betrachte ich nicht als Produktkosmetik, sondern als ein recht visionäres Konzept, das im Kontext seiner Zeit bedeutsam ist. Das sehe ich im heutigen Design nicht. Weder bei Küchen, noch beim Wohnen. Allenfalls ein wenig beim Design von Bädern, wo sowas wie "Erlebnisorientierung" zu beobachten ist.
Eine Küche nach dem Konzept der Frankfurter Küche würde heute kaum noch als besonders attraktiv angesehen werden. Von daher meine These: Es gibt keinen Fortschritt im Design, nur immer Anpassung an sich wandelnde Kontexte. Und die heutigen Anpassungen sind hauptsächlich inkrementell, kosmetisch, stylish. Wo bleibt die radikale Innovation im Design?
zu Leif Östman
"...kann man auch ausserhalb von Designertun sinnvolle Forschungsaufgaben und Antworte finden und bearbeiten, die sich auf Design beziehen?"
Ja, sicher, das geschieht ja auch in mannigfaltiger Weise: Psychologen erklären uns Wahrnehmungsprozesse, Sozilogen das Verhalten von Menschen, Betriebswirtschaftler ökonomische Abläufe usw.usw.
Eine Notwendigkeit für Designwissenschaft erkenne ich eher aus dem Erfordernis, über Design im Rückblick zu kommunizieren, so wie es Literaturwissenschaften oder Theaterwissenschaften tun.
zu Östmann, Funke, Jonas
Hallo Leif Östman, willkommen,
ich fände es auch sehr wichtig, den Menschen in seinen sinnlichen, emotionalen, kognitiven usw. Erleben und deren Wechselwirkungen nicht zu vergessen, was leicht geschehen kann, wenn man sich zu sehr auf Strukturen der Theorien oder Systeme fixiert (so wichtig diese auch sein mögen). Dies aber nicht nur, bis er das Produkt gekauft hat, sondern auch bezogen darauf, wie er mit dem Produkt umgeht und wie sich dieser Umgang verändert. Das Küchenbeispiel ist da schon ganz passend, es zeigt auch gleichzeitig, wie so ein größerer Wurf scheitern kann und in Richtung artgerechte Haltung abzudriften droht. Daraus lässt sich unendlich viel lernen. Heute wären aber sicher andere Themen aktuell.
zu Jonas: Frankfurter Küche
Lieber Wolfgang, weiß gar nicht ob eine fokussierung auf radikale Innovation im Design wünschenswert wäre.
Die Sorge um die Anpassungen halte ich für eine wichtige Form der Reduktion von Komplexität.
Aber genau das Beobachten und das methodische Fragen nach sinnvollen Anpassungen, sollte doch in der Designwissenschaft Thema sein?
rückwärts - vorwärts
Rainer,
das führt ein wenig weiter. Rückblickend siehst Du eine gewisse Notwendigkeit, vorausschauend nicht. Der Rückblick ist wichtig. Es gibt ja auch Medizingeschichte.
Sind Designer aber nicht diejenigen, die mögliche Zukünfte explorieren? Oder sollen / können wir das den Zukunftsforschern überlassen? Was kann dabei unsere Rolle sein?
Vertdeutlicht an Jonas
(Punkt:habe ich die Frage richtig verstanden?): Kann man durch Forschung das Wissen/Können in Designpraktiken erweitern, oder kann man dies nur herbeibringen als Praktiker (Ich verstehe Funkes Ansats als wäre dies nicht erlaubt/nicht wünschenswert, d.h. mit Hilfe von Forschung auch Designpraktiken zu bereichern mit erweitertem Wissen/Einsicht). Was wäre dabei wichtige Probleme wo ein erweitertes Wissen interessant sein könnte?
LeifÖ
Zu Wlfgang Jonas
Die letzte große Design-Innovation war vielleicht das Apple-Betriebssystem.
Aber, dass es nicht fortwährend große, revolutionäre Kultur-Umwälzungen, vermittelt durch das Design, gibt, ist nicht anders zu erwarten. Würde ich diese Web-Seite, auf der wir gegenwärtig kommunizieren, in manchen Funktionen schneller verstehen, wäre das für mich ein Fortschritt. Der Begriff "Fortschritt" beinhaltet im eine wertende Position. Es gibt immer nur Fortschritt für Subjekte. Aber diesen gibt es dann schon, wenn Du so willst ist das die Kontextanpassung mit besonderer Spezifik.
zu: Ein weiteres Beispiel
Ebenen dieses Beispiel zeigt wie notwendig sich eine Designwissenschaft macht, in der die Fragen der Methoden und deren Angemessenheit der Komplexität der gestalterischen Aufgabenstellung diskutiert werden.
zu Rainer Funke, Rückblicke
Designbetrachtungen im Rückspiegel sind bis heute eigentlich dominierend, nicht nur die Designgeschichte fällt darunter, auch die ganze Designkritik. Ohne Rückblick kann man natürlich weder aus Fehlern noch aus dem Gelingen lernen, ich sehe aber auch gute Chancen und vor allem die Notwendigkeit, mit Designwissenschaft zu prognostizieren, wenigstens um Fehler zu vermeiden.
@Leif, 2 Fragen @Funke
Ich schlage in die gleiche Kerbe wie Wolfgang - die gemeinschaftliche Verständigung über Forschungsvorhaben, wie sie z. B. im Rahmen der DGTF in den Kolloquien der Gruppe "Design promoviert" betrieben wird, hilft mit, die Designwissenschaft zu konkretisieren und den Forschenden immer wieder vor Augen zu führen, wie die Forschung auf diesem Gebiet funktionieren kann.
Für die Anerkenung der DW als eigenständige Disziplin und eine bessere Außenwirkung gälte das Gleiche auf einem anderen Parkett, im Rahmen der anderen Wissenschaften. Diese Austauschebene müsste m. E. erst noch geschaffen werden.
Was die Frage danach betrifft, ob auch außerhalb der Welt der Praktiker Impulse zur Forschung über Design entstehen - wenn ich das richtig verstehe, dann kommen die Forschungsansätze auch ohne konkrete Probleme aus konkreten Projekten zustande, wenn man sich auf einer Meta-Ebene mit Gestaltung auseinander setzen will.
zu Funke: Aus meiner Sicht siedeln Sie die "externe" Forschung (über designwissenschaftliche Fragestellungen, die nicht aus der Praxis inspiriert sind) wieder nur bei den Bezugswissenschaften an. Es scheint, als möchten Sie sich gar nicht vorstellen, dass ein Designwisenschaftler eine Forschung über Design hinbekommt?! Ihr Ansatz, das Geschehen im Design aus der Rückschau zu betrachten, tendiert" eher zu einer Form der Designgeschichte, wie sie z. B. bei John A. Walker: Designgeschichte - Perspektiven einer wissenschaftlichen Disziplin" beschrieben ist. Ich denke nicht, dass es sich dabei um einen Ansatz handelt, der die DW in der hier diskutierten Form weiter bringt.
zu Jonas
"Sind Designer aber nicht diejenigen, die mögliche Zukünfte explorieren?" Ja, natürlich! Und dazu benötigen Sie u.a. zahlreiche Theorien. Aber eine, kohärente Designwissenschaft?
zu Sandra
Grüss Dich Sandra,
ja, die Anpassung ist eine ganz wichtige Funktion von Design, die zu untersuchen wäre. Meine Kritik: sie geschieht - hauptsächlich aus Marketinggesichtspunkten - viel zu inkrementell. Wir brauchen nicht alle 3 Monate ein neues Handy, so schnell ändern sich die Bedürfnisse der user jedenfalls nicht. Radikale Innovationen denken voraus (sorry für die Platitüde), bieten neue überraschende Optionen, versuchen Bewusstsein zu beeinflussen und damit Veränderungen zu triggern. Wir haben heute den Bedarf nach radikalen Veränderungen unserer Lebensweisen. Deshalb auch meine Skepsis gegenüber zuviel erbsenzählerischen user studies. Produzieren wir doch lieber originelle neue Optionen, die nicht auf Marktbeobachtung, sondern auf Zukunftsvisionen beruhen.
@Funke: zu Jonas
Die Frage nach dem Nutzen einer kohärenten Designwissenschaft kann ich m. E. nur dann so stellen, wie Sie es hier tun, wenn sie immer einen unmittelbaren Nutzen für die konkrete Praxis implizieren soll. Wenn ich sie aber als Meta-Wissenschaft denke, kann ich mir den Luxus leisten, mich nicht zu fragen, ob der Designer im konkreten Projekt etwas von meiner Forschung hat, sondern darauf bauen, dass die DW etwas zum angesammelten Wissen der Welt beiträgt - ganz pathetisch formuliert.
Rückspiegelgucker oder Visiönäre
Wenn wir uns das Wirken der Kunstwissenschaften ansehen, ist natürlich auch da ein gewisse heuristische Wirkung auf die Kunst selbst auszumachen. Ihre zentrale Perspektive ist aber die der Methodenbeschreibung und der öffentlichen Kommunikation der Kunst.
Wie gesagt, das halte ich auch in Bezug auf Design als notwendig.
In Hinsicht auf die projektiv-konstruktive Dimension von Design sehe ich gegenwärtig keinen tragfähigen Ansatz für eine wirkliche Designwissenschaft, und ich würde mich freuen, wenn Sie mir einen aufzeigen könnte.
zu Wolfgang
Da stimme ich Dir zu. Aber auch die "orginelle neue Option", braucht ihre Anpassung.
Somit wäre für eine Designwissenschaft wünschenswert, das sie Methoden und Theorie heranzieht oder selbst begründen zu vermag, mit denen Anpassungen und Innovation darstellbar werden.
zu Jonas, Zukunftsvisionen
Zukunftsvisionen sind super für die Universität und Forschung, aber die vielen absolvierten Designer können nicht alle und auch nicht andauernd irgendwelche spektakulären Visionen verkaufen, für die letztlich die Käufer nicht da sind oder erstmal per Kampagne eingenordet werden müssen, damit sie die Vision auch annehmen. Ebenso wichtig ist also auch der Vermittlungsprozess auf diese Ebene.
zu Leif
Ja, ich glaube, dass designwissenschaftliche Forschung in allen ihren Ausprägungen die Designpraxis bereichern kann:
- retrospektiv (über) indem sie die Archive nutzbar macht
- instrumentell (für) indem sie zur methodischen Verbesserung des Prozesses beiträgt
- prospektiv (durch) indem sie bessere, relevantere, nachhaltigere Lösungen befördert UND indem sie Erkenntnisse produziert, die die anderen Wissenschaften so nicht liefern (Beispiel: Design against Crime)
Replik auf Replik auf "Nachtrag um Gegenstand"
Natürlich müssen wir uns über Design unterhalten. Aber wir dürfen es nicht mit Designwissenschaft verwechseln und auch nicht jede Unterhaltung über Design kann Wissenschaft sein.
Die Aufzählung dessen, was Design alles sei, hilft nicht weiter, denn interessant ist nur, was es im Unterschied zu anderem ist.
"Allgemein gebrauchsfähig" muss Wissenschaft nicht sein - lediglich anschlussfähig.
Antwort zu Markus Köck
"... dass die DW etwas zum angesammelten Wissen der Welt beiträgt"
Wissen worüber? Über Design? Ok!, Über das, was alles Designer wissen sollen? Kaum!
Lieber Wolfgan Jonas,
kannst Du "Design against Crime" daraufhin erläutern, was Designwissenschaft da tut?
zu Funke, Rückspiegel, Designwissenschaft
Ich stimme dem zu, was Sie über Kunstwissenschaften schreiben, das hat absolut seinen Platz in der Designtheorie oder -wissenschaft. Designer können aber nicht wie Künstler etwas in den Raum stellen, und abwarten, was geschieht. Sie müssen antizipieren. Design hat immer Zweck, Kunst nie - das ist der Unterschied. Einen tragfähigen Ansatz für eine wirkliche DesWis zu entwickeln das tun wir gerade hier und jetzt. So ist zu hoffen.
Beitrag zum Weltwissen
Markus,
der Aspekt gefällt mir sehr gut, er tauch schon bei Herbert Simon in den "Sciences of the Artficial" auf:
(p 140, 141)
"DESIGN ALS WERTVOLLE TÄTIGKEIT
Mit der Vorstellung, daß aus dem Herstellen und Durchführen von Entwürfen neue Ziele entstehen können, ist der Gedanke eng verbunden, daß die Entwurfstätigkeit selbst ein Ziel der Planung sein könnte. Sich neue Möglichkeiten vorzustellen und sie auszuarbeiten, ist eine an sich angenehme und wertvolle Erfahrung. ... Das Entwerfen ist eine Art geistigen Schaufensterbummels. Man muß keine Einkäufe tätigen, um Vergnügen daran zu finden.
... Man kann sich dennoch eine Zukunft vorstellen, in der unser Hauptinteresse an der Wissenschaft und am Entwerfen in den Erfahrungen liegen wird, die sie uns über die Welt vermitteln, und nicht in den Dingen, die sie uns erlauben der Welt anzutun. Entwerfen ist wie die Wissenschaft ein Instrument ebenso des Verstehens wie des Handelns."
@Funke: Antwort zu Markus Köck
Völlig einverstanden. DW u. A. als Wissenschaft über Design. Keinesfalls als Schlüssel zu allem, was Designer wissen sollten. Das gehört m. E. zur Lehre an den Hochschulen im Rahmen des Studiums.
Universitätsfach Designwissenschaft
Nehmen wir mal an, Designwissenschaft sei - wie auch immer - inhaltlich etabliert und sogar als Universitätsfach mit vollem staatlichen Zuschuss eingerichtet. Welche Erwartungen oder sogar Verpflichtungen wären damit verbunden? Man kann sich das ungefähr vorstellen, wenn man die Etablierung der Pflegewissenschaft an den Hochschulen betrachtet. Es sind zwei Gründe: zum einen die Qualitätssteigerung der Pflegeleistungen und zum anderen die Effizienzsteigerung des gesamten Pflegesystems. Designwissenschaft wird es auch mit Qualitätssteigerung und Effizienzsteigerung zu tun haben, und je stärker sie an ihrem Bearbeitungsgegenstand die Qualität und gleichzeitig die Effizienz zu steigern vermag, wird ihr auch hohes akademisches Ansehen zuteil werden. Aber der Bearbeitungsgegenstand wird nicht mehr aus Bürostühlen, Handy, Rasierer oder Regalsysteme bestehen, sondern aus komplexen Systemen wie postfossiles Verkehrkonzept, lebenslanges Lernen, vernetzte Erwerbsarbeit, neue Formen der Lebensgemeinschaft etc. Eine solche Designwissenschaft wäre nicht nur für Produkt- oder Grafik-Designer von Bedeutung, sondern auch für Techniker, Sozialarbeiter, Pädagogen, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler etc. Hat man aber beim Design nur den künstlerischen Anteil des Designs im Blick, dann braucht man tatsächlich keine Designwissenschaft.
zu: Beitrag zum Weltwissen
Könne man nicht in diesem Sinne von Designwissenschaft als einer Wissenschaft von der Kulturtechnik des Entwerfens sprechen?
Design against Crime
Ich sehe dieses (Forschungs-) Programm durchaus als exemplarisch für eine designwissenschaftliche Vorgehensweise im Sinne von Forschung durch Design an.
In designerischer Prozesslogik werden einerseits reale Probleme angegangen und (zumindest temporär) gelöst. Andererseits - das ist vielleicht der wichtigere Beitrag - werden transferierbare Erkenntnisse darüber generiert, wie man derartige Problemfelder anders angehen kann als es die Fachdisziplinen tun. Z.B. dadurch, dass unmittelbar mit Objekten (der Begierde, des Hasses) und deren Gestaltung gearbeitet wird, was etwa Soziologen oder Psychologen in ihrer Forschung nicht tun.
zu Stephen Rust
Über die Zweckfreiheit der Kunst kann man streiten, sicher besteht aber der Unterschied zum Design in dem Grad des Eingreifens in praktische Lebensprozesse. Und die Zwecke, die dabei verfolgt werden, zu explizieren und hinsichtlich der eingesetzten Mittel und realen Wirkungen zu evaluieren, darin besteht sicher eine Notwendigkeit.
zu Design against Crime
http://www.designagainstcrime.com/
an Sandra
Wenn man es ganz neutral und deskriptiv formulieren will: ja. Ich finde auch, dass die Fähigkeit des Entwurfs den Primaten zum Menschen macht.
Aber, ich denke, dass dabei immer eine Normativität ins Spiel kommt. Entwerfen will verändern (möglichst zum besseren) und deshalb sollte dieser Aspekt auch bei der Definition einer DW beachtet werden. Das ist es was uns unterscheidet. Wir wollen wissen und handeln.
Markus Köck
Danke für den Link!
@ Funke
"Und die Zwecke, die dabei verfolgt werden, zu explizieren und hinsichtlich der eingesetzten Mittel und realen Wirkungen zu evaluieren, darin besteht sicher eine Notwendigkeit."
Aber das tut doch ein Metzgermeister auch und kann nicht der Betriebsgrund von Designwissenschaft sein, oder?
zu June, Unifach DW
das ist eine amüsante Vorstellung, auch Juristen und BWLer mit dem Thema zu konfrontieren. Außerdem lässt es uns darauf besinnen, was spezifisch an unserem eigenen Fach ist.
zu J. Park und W. Jonas
An dieser Stelle kommen wir zur Fassung des Begriffs "Design".
Wenn man ihn als allgemeinen Begriff des Gestaltens fasst, mag das zutreffen. Das hat dann aber nur noch sehr allgemein mit dem zu tun, was der spezielle Designbegriff (auch im Sinne eines Berufsfeldes) umfasst.
@Rust "zu June, Unifach DW"
Vielleicht hilft zur Konkretisierung der DW wirklich der Ansatz "Beschreibe sie einem potentiellen Nutzer/ Studenten"?!
Zu Park Universitätsfach DW
Lieber June Park,
das ist eine gute Zusammenfassung.
Die Parallele zur Pflegewissenschaft passt zum einen (was den Prozess der "Disziplinierung" angeht) und passt auch wieder nicht.
Denn Design hat einen viel zu unscharfen Gegenstandsbereich. Was ist der Gegenstand von Design? Wie legitimieren wir unsere Kompetenz für all die Problemfelder die genannt werden? Dazu müssen wir das Besondere unseres Beitrag klarer formulieren.
von Loh
Naja, ein Literaturwissenschaftler tut das schon etwas anders als ein Metzger, oder?
zu Jonas
Genau! Un diese liegt m.E. in der Tat in der "Versinnlichungskometenz" (schreckliches Wort)
Versinnlichungskompetenz
Versinnlichungskompetenz
an wolfgang
nun jeder Entwurf hat sicherlich neben seiner Handlungsorientierung auch ein "epistemisches Ding" (also, dass was antizipiert ist, von dem man aber noch nicht weiss in welcher Gestalt es sich zeigt), welches mit ihm motiviert ist.
Eben weil Entwerfen eine Markierung in der Zeit setzt, Dinge ins Sein bringt und sich die Frage nach dem Nomativen stellt, sollte es auch Aufgabe sein Ansatzpunkt zur inhaltlichen Bestimmung dieses Normativen zu gewinnen.
Aber hier stellt sich nun die Frage, wie sich Wissenschaft methodisch vollzieht und ob diese Methoden sinnvoll sind solche existenzielle und komplexe Zusammenhänge abzubilden. Sie vollzieht sich m.E. immer in Modellen, die weniger komplex sind als der Sachverhalt, den sie untersuchen.
zu Rainer
Gut, wieder einen Schritt weiter, jedenfalls mal eine konkrete Aussage: "Versinnlichungskompetenz".
Dann darf ich auch meine ebenso schreckliche Definition des Gegenstands bringen: "Die Interfaces zwischen Artefaktischem und Kontextuellem (politisch, ökonomisch, körperlich - psychisch - sozial, technologisch, ökologisch, ...)" gestalten.
@Funke: "zu J. Park und W. Jonas"
Sind wir hier auf Ihres Pudels Kern gestoßen? Die Meta-Ebene mit dem allgemeinen Begriff des Gestaltens ist Ihnen zu allgemein?
Ich vermute, diese Meta-Wissenschaft könnte ebenso allgemeine Erkenntnisse über den Vorgang des Gestaltens (losgelöst von konkreten Ergebnissen und nur als solcher betrachtet) liefern, wie die Methode der Forschung durch Design konkrete Ergebnisse für Ihren speziellen Designbegriff im Sinne des Berufsfeldes.
Ohne Designbegriff auch keine Design-Wissenschaft
Das muss hier noch mal mit aller Härte gesagt werden. Es kann keine Wissenschaft ohne klar umrissenen Gegenstand geben. Wenn Design der Gegenstand von Designwissenschaft sein soll, dann sollten man sich zunächst überlegen, wie man Design definiert. Eventuell müsste man dazu eine Art Prä-Designwissenschaft benutzen, die ihren Gegenstandsbereich rekursiv selbst entwickelt und so sich selber aus dem Sumpf zieht.
zu: ohne Designbegriff auch keine Design-Wissenschaft
Meines Erachtens kann von der Heterogenität der Erscheinungsformen von Design nicht darauf geschlossen werden, dass der Gegenstand Design unscharf wäre. Wir sollten hierzu unsere Kommunikationen näher befragen, wann sie etwas als Design markieren.
zu Jonas
"Interfaces zwischen Artefaktischem und Kontextuellem (politisch, ökonomisch, körperlich - psychisch - sozial, technologisch, ökologisch, ...)"
Interfaces ist mir zu kurz, oft auch Surfaces!
Darüber hinaus: Wo ist bei einem ausgeweiteten Interface-Begriff der Unterschied zum Anstreicher, Tischler, der strickenden Oma und dem Chirurgen?
Uwe: der Frosch im Milchtopf
Genau Uwe, vielleicht sind wir ja hier gerade dabei, mit unserem Gestrampel die Milch im Topf zu Butter zu machen (den Gegenstandsbereich einzugrenzen), um dann von diesem Grund aus aus dem Topf zu springen.
Echt schräges Bild!